STEYR. Jugend ist prima. Wer jung ist, gilt als vital, gesund und leistungsfähig. „Alt sein“ hingegen, ist ein Umstand, der besser anderen passiert. Älterwerden wird häufig mit körperlichen Verfall, Krankheiten, sinkender Lebensqualität und dem unausweichlichen Tod gleichgesetzt ...

Es gibt allerdings durchaus körperliche und kognitive Teilbereiche des Lebens, in denen ein höheres Alter Vorteile, ja sogar gesundheitliche Verbesserungen, mit sich bringt.

Aus vielen Studien geht hervor, dass es Krankheiten gibt, die mit fortschreitendem Alter weniger oft oder nicht so intensiv auftreten. „Gerade jetzt im Frühling, wenn viele Allergiker/- innen wieder an der Pollenbelastung leiden, werden hingegen manche ältere Personen merken, dass ihre Allergie weniger deutlich auftritt oder sogar gänzlich verschwunden ist“, so Prim. Dr. Eva Laich, Leiterin der Neurologischen Abteilung am LKH Steyr. Das liegt vor allem daran, dass bestimmte Antikörper, die für das Auftreten von allergischen Reaktionen verantwortlich sind, im Alter nur noch in einem geringen Ausmaß produziert werden. Auch Migränepatient/-innen profitieren häufig vom Altern. Die Zahl und die Stärke der Anfälle nehmen meist ab der Lebensmitte drastisch ab. Viele Betroffene kommen sogar völlig migränefrei durch den Alltag, was eine erhebliche Verbesserung der Lebensqualität mit sich bringt.

 

Verbesserungen auch bei immunologischen Erkrankungen

Aber nicht nur Allergien und Migräne nehmen mit dem Fortschreiten des biologischen Alters ab. „Auch eine Reihe von rheumatischen und immunologischen Erkrankungen treten bei Senior/-innen deutlich seltener auf als bei Jugendlichen und Erwachsen“, weiß die Expertin. Das ist vor allem auf den Lerneffekt des Immunsystems zurückzuführen. Im Laufe der Jahre ist dieses einer Vielzahl von Viren und Bakterien ausgesetzt, sodass die sogenannten Gedächtniszellen im Alter wesentlich schneller reagieren können. „Die Datenbank des Immunsystems wird immer größer und komplexer. Daher haben Erwachsene zum Beispiel wesentlich seltener Erkältungserkrankungen als Kinder“, so die Ärztin.

 

Kognitiv langsamer – dafür besonnen und gelassener

Obwohl ältere Menschen mit langsam auftretenden kognitiven Defiziten zurechtkommen müssen, gibt es im Gegenzug auch in diesem Bereich Vorteile, die Senior/-innen für sich nutzen können. Zwar werden Ältere psychisch und physisch langsamer, das über die Jahre erworbene Wissen und die Reife können diese Defizite aber häufig gut ausgleichen. Mit zunehmendem Alter sind viele Menschen besser in der Lage, die Auswirkungen ihrer Entscheidungen mit all ihren Optionen und Konsequenzen abzuschätzen. Auch das Nachlassen von Stress und Betriebsamkeit hat einen positiven Einfluss auf die Entscheidungsfindung und bringt einen Zugewinn an Selbstsicherheit mit sich.

„Die jahrelange Erfahrung erlaubt ihnen, stärker in sich selbst zu ruhen und weniger Bestätigung durch die Außenwelt zu benötigen“, ist Mag. Petra Winkler, Neuropsychologin an der Neurologischen Abteilung am LKH Steyr, überzeugt. Dieses gefestigte Selbstbewusstsein führt auch dazu, dass Beziehungen und Sexualität im Alter oftmals als erfüllender empfunden werden. Die eigenen Bedürfnisse und die des Partners sind bekannt und auch Äußerlichkeiten verlierend zunehmend an Bedeutung. All das führt dazu, dass ältere Menschen verstärkt gemäß ihren eigenen inneren Werten und Vorstellungen leben und damit zufriedener sind, als sie das vielleicht in jungen Jahren waren. Der Lebensabschnitt 50+ hält also eine Reihe von positiven Faktoren bereit. Gesund und vital ist es eine Zeit, in der das Leben sehr viel Genuss und Freude beinhalten kann.

Bild klein: Neuropsychologin Mag. Petra Winkler, LKH Steyr
Bild unten: Prim. Dr. Eva Laich, Leiterin der Neurologischen Abteilung am LKH Steyr
Fotos: gespag