STEYR. Beleidigungen, Drohungen, Ausgrenzungen und Bloßstellungen – persönliche Übergriffe mittels elektronischen Medien nehmen zu. Vermehrt sind davon auch Kinder und Jugendliche betroffen. „Ein sehr aktuelles wie schwieriges Thema, ...

das uns zunehmend bei der Betreuung von schulverweigernden Kindern und Jugendlichen an unserer Kinder- und Jugendpsychosomatik beschäftigt“, weist Prim. Dr. Josef Emhofer, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Landes-Krankenhaus Steyr, auch auf die steigenden Patienten/-innenzahlen in diesem Bereich hin.

Unter Schulabsentismus – wie die Schulvermeidung in Fachkreisen genannt wird – versteht man die Weigerung von Kindern zur Schule zu gehen. Obwohl es sich um ein facettenreiches Phänomen mit vielen Ursachen, Verläufen und auch Folgen handelt, zeichnet sich doch bei allen Betroffenen eine unmittelbare und schwer regulierbare Angst vor der Schule und vielfältigen sozialen Anforderungen ab. „Kinder die an Schulabsentismus leiden, sind keine faulen Schulschwänzer, sondern müssen sich häufig mit einer Reihe von Konflikten, die zu somatischen und psychosomatischen Begleiterkrankungen führen, auseinandersetzen“, betont OA Dr. Markus Schreiner, Kinder- und Jugendpsychiater am LKH Steyr.

Angst vor der Schule – möglich Folge von Cybermobbing
Dieses wachsende Problem unter jungen Menschen lässt sich unter anderem durch die Zunahme von Mobbingfällen an Schulen erklären. Jedes zehnte Kind bzw. jede/r zehnte Jugendliche ist an österreichischen Schulen Opfer von sozialen oder auch tätlichen Übergriffen. Beim sogenannten Cybermobbing, also den Angriffen mittels digitaler Medien, ist die Situation besonders heikel, da die Täter/innen rund um die Uhr beleidigende Botschaften an eine Vielzahl von Personen übermitteln können und dabei scheinbar anonym und unangreifbar agieren.

Für die Opfer wird nicht nur der Schulalltag zur Belastung, vielmehr sehen sie sich zu jeder Zeit Schikanen ausgesetzt, denen sie nur wenig entgegenzusetzen haben. „Häufige Folgen sind somatische Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen sowie deutliche Anzeichen von Stress-Symptomen wie Atemnot, Schlafstörungen, Brustdruckschmerzen, Herzrasen oder auch psychische Auffälligkeiten“, so der Experte.

Sozialer Rückzug und Verhaltensänderungen
Mit den Terror-Attacken im Netz gehen Probleme mit dem Selbstwert, Gefühle der Hilflosigkeit und Handlungsunfähigkeit bis hin zu depressiven Verstimmungen einher. „Weiters erleben wir immer wieder, dass sich diese jungen Menschen sozial ausgeschlossen fühlen“, so Mag.a Daniela Seyrlehner, Klinische- und Gesundheitspsychologin am LKH Steyr. „Viele Kinder reagieren mit Rückzug, werden still oder auffallend aggressiv. Häufig ist auch ein Abfall der schulischen Leistungen zu beobachten“, ergänzt die Expertin. Die Betroffenen haben Probleme sich zu konzentrieren und vermeiden den Schulbesuch schlussendlich gänzlich.

Wiedereingliederung in die Schule
Kinder, die an Schulvermeidung leiden, erhalten im Psychosomatischen Schwerpunktbereich der Kinder- und Jugendheilkunde des LKH Steyr eine intensive Betreuung durch ein interdisziplinäres Team, das die Eltern und Vertrauenspersonen aus dem Schulumfeld in den Prozess miteinbeziehen. Alle Umstände, die der Schulvermeidung zu Grunde liegen, werden erhoben. „Gemeinsam wird an persönlichen Bewältigungsstrategien und Veränderung der belastenden sozialen Gegebenheiten gearbeitet. Ziel ist es, dass der Anschluss an die Stammschule nicht verloren geht bzw. wiederhergestellt wird“, betont Prim. Dr. Josef Emhofer, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde.

Mobbing-Opfer und ihre Eltern sollten sich bewusst machen, dass sie die Situation nicht hinnehmen müssen. Sie finden wertvolle Ansprechpartner/-innen in der Mobbing- und Gewaltpräventionsstelle der Kinder- und Jugendanwaltschaft OÖ. Hilfe gibt es auch bei den Expertinnen und Experten der Schulpsychologie und den Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen, sowie bei Ärztinnen bzw. Ärzten und Psychologen/-innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie im niedergelassenen Bereich und im Krankenhaus.

Ein multiprofessionelles Team betreut die Kinder an der Kinder- und Jugendpsychosomatik am LKH Steyr.