STEYR. Unvergessen sind die Leistungen des Autokonstrukteurs Hans Ledwinka (1878-1967) – zumindest in Nesselsdorf/ Kopřivnice in Mähren (Tschechien), wo er 32 Jahre die Tatra-Werke leitete ...

Zuvor war er in den Steyr-Werken beschäftigt, wo er das erste Steyr-Auto konstruierte. Nun wurde er in Nesselsdorf mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet.

Ing. Hans Ledwinka war der führende Autokonstrukteur und Direktor im Tatra-Werk in Kopřivnice (deutsch: Nesselsdorf) während mehrerer Jahrzehnte. Seine Patente und Konstruktionen fanden Anwendung auch in anderen Branchen. Eine bedeutende Konstruktion war die eines zuverlässigen luftgekühlten Motors, der mit 2 und 4 Zylindern in kleinen Personenwagen (T 12 und T 57) oder bis zu 12 Zylindern in Lastwagen (T 111) bei Tatra verbaut wurde. Mehrere Lizenzen wurden vergeben, so nach Deutschland, Frankreich, Österreich und in die Niederlande.

Das „zentrale tragende Rohr“ war eine weitere Erfindung von Hans Ledwinka und gilt bis heute als die solideste Verbindung zwischen Motor, Getriebe und Achsen. Sogar Motorräder wurden damit ausgestattet. Das Zentralrohr in Verbindung mit Pendelachsen wurde von seinem Sohn Erich Ledwinka bei der Konstruktion des Steyr-Puch-Haflinger und des größeren Pinzgauer übernommen.

Hans Ledwinkas serienmäßig hergestellten aerodynamischen Autos bei Tatra aus den dreißiger Jahren (T 77, T 87) mit Achtzylinder-Heckmotoren und deren kleiner Bruder T 97 waren damals eine wahre Revolution.
Ledwinka war immer ein unpolitischer Mensch. Seine Rolle während des Zweiten Weltkrieges als Manager eines Betriebes, der auch der Rüstung diente, wurde von den Kommunisten in der Tschechoslowakei missverstanden und er wurde 1945 wegen Kollaboration mit den Nazis verhaftet und nach einem Schauprozess für sechs Jahre im Gefängnis eingesperrt. Nach seiner Entlassung 1951 wurde er nach Deutschland abgeschoben. Auch dort arbeitete er als Autokonstrukteur weiter und konstruierte zum Beispiel den Kleinwagen Spatz. Hans Ledwinka starb 1967 in München.

1992 wurde Ledwinka vom Obersten Gericht der damaligen Tschechoslowakei vollständig rehabilitiert. Seine Verdienste im Automobilbau wurden überall mit Ehrungen (zum Beispiel Ehrendoktorat der TH Wien) gewürdigt – außer in der Tschechoslowakei. Trotz mehrmaligen Anläufen bei der Regierung, in der Region, in der Stadt Koprivnice, die er berühmt gemacht hatte, wurde eine posthume Ehrung immer wieder unter fadenscheinigen Begründungen abgelehnt. Zu tief war seine vermeintliche Nazinähe im Gedächtnis der Bevölkerung eingeprägt.

Einen Umschwung erreichten die Tatra-Clubs, deren Vorstände nicht locker ließen. Schließlich waren die Bemühungen von Alena Čípová und Karel Rosenkranz erfolgreich. Alena Čípová ist seit vielen Jahren Präsidentin des größten Tatra-Clubs in Tschechien und eine Aktivistin für die „Sache“ Ledwinka. Karel Rosenkranz war jahrelang Direktor des Tatra-Museums in Koprivnice und ist ein bekannter Automobil-Historiker. Man sagt über ihn, dass er eine wandelnde Enzyklopädie sei. Rosenkranz ist Autor mehrerer Büchern über Tatra und die Geschichte des Automobilbaus in Mähren.

Der Bekanntheitsgrad beider Protagonisten half bestimmt mit, dass die Ehrenbürgerschaft der Stadt Koprivnice für Hans Ledwinka spruchreif wurde. Mit Hilfe der Autoren des Buchs über Hans Ledwinka und seines Sohnes Erich wurde der in St. Ulrich bei Steyr lebende Enkel Dr. Hans Ledwinka ausgeforscht und zur Übergabe der Ehrenbürgerurkunde eingeladen. Seine Gattin Roswitha und die beiden Autoren Günther Nagenkögl und Hans Stögmüller waren Teil der Delegation, die bereits am Vortag der Überreichung von der gesamten Direktion der Firma Tatra mit Generaldirektor Lazar Pavel empfangen und geehrt wurde.