STEYR. Der Leiter der AK Steyr Gerhard Klinger: „Dass etwas bei der Endabrechnung nicht stimmt oder im laufenden Arbeitsverhältnis Entgelt nicht korrekt ausbezahlt wird, ist nach wie vor keine Seltenheit – dies zeigen die aktuellsten Zahlen aus der AK-Beratung.“ ...

Im ersten Halbjahr 2018 wandten sich 3554 Arbeitnehmer/-innen aus dem Bezirk Steyr an die Rechtsexperten/-innen der Arbeiterkammer. Durch außergerichtliche Interventionen und auf dem Gerichtsweg hat die AK Steyr in diesem Zeitraum rund 360.000 Euro erkämpft. In vielen Fällen ging es um unbezahlte Mehrarbeits- und Überstunden.

Dauerbrenner Überstunden
Bei Überstunden muss die geleistete Arbeitszeit inklusive Überstundenzuschlag abgegolten werden. Das kann durch Geld oder Zeitausgleich erfolgen. Grundsätzlich beträgt der Zuschlag 50 Prozent. In vielen Kollektivverträgen ist aber für Nacht-, Feiertags- und Sonntagsarbeit ein 100-Prozent-Zuschlag vorgesehen.

Betriebliche oder vertragliche Vereinbarungen, dass Überstunden im Verhältnis 1:1 abgegolten werden, sind nicht zulässig. Wenn Zuschläge über derartige Konstruktionen vorenthalten werden, können sie mit Hilfe der Arbeiterkammer nachgefordert werden. Dafür sind genaue Arbeitszeitaufzeichnungen erforderlich, auf denen Datum und Uhrzeit von Arbeitsbeginn und -ende klar ersichtlich sind.

Rund ein Fünftel der Überstunden unbezahlt
Im vergangenen Jahr leisteten die österreichischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer rund 250 Millionen Über- und Mehrarbeitsstunden – verteilt auf 663.100 Beschäftigte, die regelmäßig und im Durchschnitt 7,2 Überstunden bzw. Mehrarbeitsstunden pro Woche leisten mussten. Für diese Über- bzw. Mehrarbeitsstunden gebührten den Arbeitnehmern/-innen geschätzt rund zwei Milliarden Euro an Zuschlägen.

Von diesen Überstunden wurde fast ein Fünftel gar nicht bezahlt, weder in Zeitausgleich noch in Geld. Damit wurde den Arbeitnehmern/-innen innerhalb eines Jahres rund eine Milliarde Euro vorenthalten. Den oberösterreichischen Arbeitnehmern/-innen entgingen durch Mehrarbeits- und Überstundenklau rund 150 Millionen Euro – pro Kopf sind das durchschnittlich rund 9800 Euro.

So erfolgt der Überstundenklau

  • Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bleiben aus verschiedenen Gründen auf ihren Überstunden sitzen, weil viele Arbeitgeber sehr „kreativ“ dabei sind, ihnen die entsprechende Bezahlung vorzuenthalten:
  • Arbeitnehmer/-innen werden bei der Bezahlung von Überstunden und Mehrarbeitsstunden so lange vertröstet, bis die Ansprüche verfallen sind. Diese Verfallsfristen können, je nach Kollektivvertrag, sehr kurz sein.
  • Viele Arbeitnehmer/-innen wagen es aus Angst um den Arbeitsplatz nicht, im aufrechten Arbeitsverhältnis nichtbezahlte Überstunden einzufordern, was häufig zu deren Verfall führt.
  • Gewisse Arbeitszeiten (z. B. Vorbereitungs- oder Abschlussarbeiten nach Geschäftsschluss) werden von den Arbeitgebern gar nicht als Arbeitszeiten anerkannt. Manche Unternehmen fälschen systematisch Arbeitszeitaufzeichnungen von Mitarbeitern/-innen zu ihren Gunsten. Andere wiederum verhindern die Aufzeichnung unzulässiger Überstunden.

Ein (haarsträubender) Fall aus der Praxis
Da staunten auch die Rechtsberater der AK Steyr nicht schlecht: Nicht weniger als 953 Überstunden blieb ein Arbeitgeber aus Steyr einem seiner Mitarbeiter schuldig. Dieser kam in die AK Steyr, nachdem sein Arbeitsverhältnis in der Firma einvernehmlich aufgelöst worden war. Die Endabrechnung hat er zwar bekommen, es fehlten darauf aber die gesamten Überstundenauszahlungen samt Zuschlägen.

Der Mann war als Produktionsleiter eineinhalb Jahre bei der Firma beschäftigt. In dieser Zeit hat er regelmäßig sehr viele Überstunden gemacht. Einen Teil davon konnte er zwar als Zeitausgleich konsumieren, aber bei weitem nicht alle. Manchmal wurden ihm auch einige Übersunden ausbezahlt. Die 953 offenen Überstunden konnte der Mann auch eindeutig belegen: mit Hilfe eines Fotos der Überstundenabrechnung aus der EDV-Abteilung des Betriebes.

Der Arbeitgeber behauptete nun, er hätte die Überstunden in diesem Ausmaß nie angeordnet – sein ehemaliger Mitarbeiter hätte Kaffeepausen und sonstige Pausen, in denen er geschlafen hätte, als Arbeitszeit gerechnet und regelmäßig zur früh eingestempelt. Damit weigerte er sich weiter zur Auszahlung der geleisteten Überstunden samt Zuschlägen. Die AK ließ nicht locker und erreichte schließlich einen Vergleich. Der Unternehmer zahlte seinem ehemaligen Mitarbeiter 15.000 Euro für geleistete Überstunden.