STEYR. Auch sie folgte den Aufrufen der modernen Buschtrommeln, den social medias, die zu gemeinsamen Spaziergängen aufriefen. Endlich Gleichgesinnte, die an das selbe glaubten wie sie und die Bevormundung ablehnten, die über sie verhängt wurde ...

Abstandhalten, Maskenpflicht, keine sozialen Kontakte, Geschäfts- Betriebs- Lokal- und Schulschließungen, keine Besuche von Mitmenschen oder Veranstaltungen - alles nicht nötig. Endlich einer der aufsteht und die Trommeln schlägt und zum gemeinsamen Marsch und gegen diesen Unsinn aufruft! Denn eines stand für sie fest. Es musste einen geben, der es besser wusste als alle anderen.

Glücklich war sie, in der Menge der Gleichdenkenden mitzumarschieren, maskenlos die Frische der Abendluft zu genießen und im Respirationsdunst der Versammelten für die verlorene Freiheit der Selbstbestimmung zu protestieren.

Immer ging sie mit, sah sich um, irgendwo war er doch, der der sich aus der Menge hervorhebt, aufruft und sie leitet. Einer der gegen dieses Unrecht das ihnen widerfährt aufsteht und verkündet: „Sehet, ich bin es der euch von dem Joch der Maskenpflicht befreit. Ich bin es , der weiß , dass es keine Pandemie gibt, sondern nur unfähige Politiker, die uns dies glauben machen. Ich rette die Wirtschaft , unsere Gastwirte und die Bildung unserer Kinder. Höret! Wer an mich glaubt, dem wird kein Virus schaden, und trägt sie es doch bereits in sich, so kann ich sie davon heilen!“

Doch auch beim dritten Spaziergang war er offenbar nicht unter den Seinen und weder seinen Anhängern noch der Spaziergängerin erschienen - doch keiner schien beunruhigt. Vielleicht brauchte er noch Zeit, wollte ganz sicher sein, dass auch alle an ihn glauben , sich seiner Anhängerschaft sicher sein. Auch die Spaziergängerin ließ sich nicht beirren, sie wollte ihm ein Zeichen ihrer Treue geben. Geduldig wartete sie auf den nächsten Aufruf zum Spazierengehen. Ertrug demütig die Tage der Maskenpflicht und Abstandsregeln bis zum erneuten Treffen.

Nach einer Woche war es wieder so weit und sie strömte erneut zum vereinbarten Sammelpunkt. Wie durch Zauberhand setzte sich der Zug der Spazierer in Bewegung. Wieder waren es viele die mitgingen und wieder sah sich die Spaziergängerin um, ob sie ihn nicht doch entdeckte. Doch noch blieb er ihr verborgen, war unsichtbar, für sie genauso wie die, die mitgingen und gegen die Maßnahmen der Regierung waren, die die Pandemie leugneten und dafür ihre Transparente hochhielten.

Doch sie war eine Ahnungslose, weil sie nicht wußte, dass es bereits Judasse unter den Versammelten gab, die sich schon längst für eine Impfung angemeldet hatten oder schon geimpft worden waren, oder andere die regelmäßig, weil anonym die Teststrassen besuchten um sicher zu sein, dass sie nicht erkrankt waren und deshalb leicht gegen die Maßnahmen rebellieren konnten.

Sie war aber auch eine Leichtgläubige, die nur einem auferlegten Zwang entfliegen wollte, ohne über die Folgen für sich und andere Mitmenschen nachzudenken, nur das hier und jetzt und ihre Einschränkungen sah, doch selbst keine Lösungen vorweisen und keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen musste ...

Und sie würde es auch nie erfahren, nicht wer der „Heiland“ war der sie alle retten und befreien würde und nichts von den Judassen, die sich mit Impfungen schützten, denn zwei Tage nach dem Spaziergang war sie auf die Intensivstation eingeliefert worden, mit hohem Fieber, Husten und Atembeschwerden. Die frische Luft der Menschenmenge und vermeintlich Gleichgesinnten hatte ihr nicht gutgetan. Ob die Ärzte sie retten konnten,... wissen wir nicht - und auch nicht , ob es für sie noch ein Intensivbett gab... wir können es ihr nur wünschen und vielleicht war sie noch einmal mit einem leichten Verlauf der Krankheit davongekommen und die Lunge konnte sich wieder so weit erholen, dass sie wieder normal gehen und eines Tages auch wieder Stiegen steigen konnte.

Der Geruchs-und Geschmackssinn kehrten vielleicht wieder und die Organe erlitten keine größeren Schäden. Vielleicht hat ein gnädiges Schicksal ihre Gehirnfunktionen wieder normal arbeiten lassen und nur ein Rest von Gedächtnisschwund war geblieben, sodass sie sich niemals daran erinnern wird, dass einst die Spaziergängerin war.

von marion.mondsee