GASTKOMMENTAR. Beginnen wir mit dem Wesentlichen: Einem Menschen, der auf der Intensivstation liegt und künstlich beatmet werden muss, wünscht man baldige Besserung und Genesung. Das gilt für alle 400 Kranken, die derzeit auf einer Intensivstation mit dem Virus ringen und nicht mehr und nicht weniger auch für Landeshauptmann-Stellvertreter Manfred Haimbuchner ...

Das gilt ohne Wenn und Aber und völlig unabhängig davon, was man von den politischen Ansichten der Person hält. Wer glaubt, dass hier Häme oder Schuldzuweisung angebracht sind, handelt schlichtweg widerwärtig.

Einen Blick auf die Partei Haimbuchners und deren Agieren in der Pandemie erspart uns das nicht. Es ist sogar nötig, hinzusehen und aufzuzeigen, wie gedankenlos und unverantwortlich die FPÖ in der Causa handelt, und welche kruden Thesen und bizarren Ansichten sie unter die Leute bringt.

Kickl schwärmt vom „starken Immunsystem“
Vor kurzem trat Klubobmann Herbert Kickl bei einer Leerdenker-Kundgebung in Wien auf und bot dem Virus schneidig Paroli. Kickl brüllte sichtlich enthusiasmiert in die Menge: "Wir alle haben ein intaktes Immunsystem und ein intaktes Immunsystem macht den Menschen stark gegen einen Virus." Die Menge jauchzte vergnügt, jeder einzelne in der Masse ohne Abstand und Maske durfte sich ein wenig geadelt fühlen durch Kickls Ritterschlag. Wer nimmt nicht gerne für sich in Anspruch, ein Pfundskerl zu sein, dessen Immunsystem mit einem Virus Schlitten fährt. Was Kickl nicht dazu sagt, das ist der Umkehrschluss: Menschen, die das Virus erwischt und auf die Knie zwingt, die haben zu wenig getan für Körper und Geist und die haben es wohl irgendwie verdient, einst die Rechnung präsentiert zu bekommen für das zu wenig gepflegte Immunsystem. Das sind die Schwachen, zu denen man nicht so gerne gehört, diejenigen, die der eiserne Besen Gottes hinwegfegen darf, diejenigen, die nicht zum robusten und vitalen „Volkskörper“ gehören. Interpretieren darf das jeder, je nach Geschmack.

Keine Rücksicht für Schwache und Verwundbare
Bringen wir die Sache auf den Punkt. Kickl hat bei seiner Rede auch seinem Parteifreund Haimbuchner – ohne dessen Erkrankung erahnen zu können - ausgerichtet, ein „schwaches Immunsystem“ zu haben. Kickl signalisiert geradezu ikonenhaft, dass er kein Interesse hat, Schwache zu schützen, und sei es mit harmlosen Maßnahmen wie dem Tragen einer Schutzmaske. Vor einigen Tagen stiefelte der ehemalige Innenminister trotzig und demonstrativ ohne Maske durchs Parlament zu einer Anhörung im Untersuchungsausschuss. Kickl sagt uns damit, ohne es auszusprechen: Ich bin gesund und unverwundbar, und er sagt auch: Was kümmern mich und meinen Dreitagesbart diejenigen, die nicht so fit sind wie ich – und sei es Manfred Haimbuchner.

Das ist die Parteilinie der FPÖ. Sie nimmt Kranke in Kauf, und seien es Kranke aus der eigenen Partei oder deren Wähler. Die Parteilinie provoziert Erkrankungen - Kickl ist beileibe nicht der einzige in der Partei, der sich über Masken lustig gemacht hat und gegen Impfungen Stimmung macht. Die von der FPÖ wohlgenährte Impfskepsis wird den „Spaß“, den wir derzeit mit der Pandemie haben, vermutlich ein wenig verlängern. Die Parteilinie verharmlost die Krankheit – erinnern wir uns an den Steyrer Tourismusstadtrat Mario Ritter, der im Dezember 2020 in einer pittoresken Videobotschaft Corona als „Erkältungskrankheit“ identifiziert hatte. Ritter ist Arzt und seine Aussage klärt uns weniger über ein Virus auf als über das Mindset eines FPÖ-Politikers, der mit derlei Schwachsinn punkten will. Müssen wir uns jetzt davor fürchten, dass Ritter seinem Parteifreund Haimbuchner eine Videonachricht ins Krankenhaus schickt, wonach er sich wegen einer „Erkältungskrankheit“ nicht so anstellen soll? Es wäre nur konsequent.

Spaziergang rund ums Krankenhaus - mit dem Finger auf dem Stadtplan
Die FPÖ hat die Leerdenker, Impfgegner, Virus-Verharmloser und Verschwörungsplauderer als Wählerpotenzial entdeckt und bespielt das Terrain, bewusst und eiskalt kalkulierend. Die „Spaziergänger“ hängen Kickl und Co. an den Lippen, nur Politiker der FPÖ – wie Stadtrat Ritter und Vizebürgermeister Helmut Zöttl – haben sich in Steyr bei diesen Kundgebungen blicken lassen. Eine Empfehlung für die Route des nächsten Spaziergangs: einmal rund ums Krankenhaus, am besten aber nur mit dem Finger auf dem Stadtplan – und sei es als Zeichen des Respekts gegenüber allen Corona-Erkrankten.

Ich wünsche Manfred Haimbuchner gute Besserung und seinen Parteifreunden: Hirn einschalten, Verantwortung zeigen!

Ein Gastkommentar von Christian Kreil.

Christian Kreil befasst sich seit Jahren mit Verschwörungsplaudereien und Pseudomedizin. In seinem eben erschienen Buch „Fakemedizin“ thematisiert er unter anderem die Verharmlosung von Covid-19, Impfgegner und haltlose Heilversprechen von Ärzten und Scharlatanen.