GASTKOMMENTAR. Wöchentlich erhalte ich einen Newsletter vom Bioladen NETs.werk Steyr. Die angebotenen Produkte sind bio, gesund, fair und regional, vom Osterlamm über den Kopfsalat bis zum Ziegenkäse. Bei den Schmankerln rinnt mir das Wasser im Mund zusammen. Bei den Tipps zur Pandemie, die der Steyrer Standort des Bio-Vereins ungefragt mitsendet, kommt mir leider das Frühstück hoch ...

Das NETs.werk Steyr bewirbt die sonntäglichen "Spaziergänge" und macht Stimmung gegen Impfungen. Okay, die Spaziergänge sind Geschmacksache. Die Frage ist halt, welchen Geschmack man hat. Die "Impf-Checkliste", die der Newsletter bewirbt, verspricht einen "schnellen Überblick". Der "schnelle Überblick" entpuppt sich - man muss die Dinge leider beim Namen nehmen - als Schrott. Die Checkliste ist ein Meme in Form eines vorausgefüllten Fragebogens. Bereits die erste Frage samt Beantwortung ist entlarvend: "Verhindert die Impfung, dass ich angesteckt werde?". Das "Nein" ist vorab und im Sinne der betreuten Desinformation bereits angekreuzt.

Das ist kein "Schneller Überblick", sondern pure Desinformation
Machen wir es kurz: Hier geht es nicht um Information, differenzierte Aspekte, wissenschaftlichen Diskurs zu Vakzinen - hier geht es um die Verbreitung peinlich plumper Propaganda von Seuchenfreunden, die derzeit zu Höchstform auflaufen. Dass ich die ominöse "Impf-Checkliste" ansonsten vor allem auf rechtsextremen Social Media-Account und bei wirrsten Verschwörungsplauderern finde, müsste den Damen und Herren des NETs.werks Steyr eigentlich zu denken geben. Das "müsste" ist als Konjunktiv formuliert. Ich gehe leider nicht davon aus, dass die Damen und Herren reflektieren, mit wem sie unter einer Decke stecken. Zu tief scheint man in diesen Kreisen in einer esoterischen Weltanschauung verwurzelt. In einer Welt, in der Impfungen verteufelt und Krankheiten als "persönlichkeitsbildendes Ereignis" verklärt werden. Oftmals beruft man sich in diesen Milieus auf die Sekte der Anthroposophie. Deren Begründer Rudolf Steiner verkündete vor mehr als 100 Jahren, dass man "gegen das Karma nicht heilen" könne - und daraus schließt man wohl: auch nicht impfen soll. Dass diese Weltanschauung nicht nur unwissenschaftlich ist, sondern auch menschenverachtend, das liest man zwischen den Zeilen: Wer krank ist, ist selber schuld, wer an einer ansteckenden Seuche stirbt, der badet halt sein "mieses Karma" aus.

"Bio" hat ohne Wissenschaft kein Existenzberechtigung
Zurück zum Kern der Sache: Natürlich kann und darf das NETs.werk Steyr behaupten, dass eine Impfung nicht vor Infektionen schützt. Es darf auch behaupten, dass die Erde eine Scheibe ist und dass in einer Woche die Gesetze der Schwerkraft aufgehoben werden. Nur ist man dann halt nicht seriös. Das Fatale: Ein Bioladen, der der Wissenschaft in Sachen Gesundheit mit dem Hintern ins Gesicht fährt, zerstört letztlich auch seine Existenzberechtigung in Sachen „Bio“.

Ich zahle gerne ein wenig mehr für Bio-Produkte, auch wenn der Erdapfel ein wenig verschrumpelt ist. Weil ich als Konsument der Wissenschaft vertraue. Biochemiker und Mediziner beweisen nämlich recht schlüssig, dass Lebensmittel ohne Pestizide und ähnliches gesünder sind. Agrarökologen belegen stringent, dass biologische Landwirtschaft gegenüber überdüngten Böden ökologisch vorteilhaft ist. Ohne wissenschaftliche Beweisführung wäre jedes Bio-Label wertlos und am Markt chancenlos, weil sinnlos. "Bio" ohne evidente, wissenschaftliche Beweisführung gibt es schlichtweg nicht. Die Desinformationskampagne, in deren Dienst sich das NETs.werk Steyr in der Verächtlichmachung von Impfungen stellt, ist weder "bio" noch "fair", sie ist ganz einfach dumm.

NETs.werk geht auch ohne Schwurbelei
Das Positive kommt zum Schluss: Die Verbreitung von derlei medizinischen Fakenews ist nicht einmal regional. Zur Ehrenrettung des Vereins NETs.werk und seiner vielen Standorte sei gesagt: Andere NETs.werk-Läden in der Nähe von Steyr haben – auch wenn sie es nicht so offen sagen können - die Schnauze voll davon, mit der Seuchenpropaganda und dem Schwurbelfetischismus des Steyrer Standorts in einen Topf geworfen zu werden. Wer gescheit und gesund und biologisch einkaufen will, ohne damit eine Verschwörungsplauder-Abgabe zu zahlen, der kann das weiterhin tun. Ein bisserl mit den Betreibern reden, und schon kennt man sich aus.

Ein Gastkommentar von Christian Kreil.

Christian Kreil befasst sich seit Jahren mit Verschwörungsplaudereien und Pseudomedizin. In seinem eben erschienen Buch „Fakemedizin“ thematisiert er unter anderem die Verharmlosung von Covid-19, Impfgegner und haltlose Heilversprechen von Ärzten und Scharlatanen.

Unten: Die komplette "Impf-Checkliste"