GASTKOMMENTAR. Mehr als eine Woche ist die Abstimmung bei MAN nun her, die Wogen glätten sich. Der MAN-Konzern, der in seinem Plan „A“ die Schließung des Werks andachte, betont, dass es nach dem Votum gegen Siegfried Wolf (das war offenbar der Plan „B“) keinen Plan „C“ gebe ...

Die Regierung hat scheinbar einen Plan „D“ – die „Dickpics“, die in den der exekutiven Chefetagen der Republik kursieren, sind allerdings eher ein Ständer- als ein Standortkonzept. Die ehemalige Energetikerin und aktuelle Wirtschaftsministerin pendelt vermutlich noch eine Lösung aus, der Plan „P“ steckt freilich noch in den Kinderschuhen.

Die Kinder auf der Ennsleite tragen alle Schuhe
Zurück zum Ernst der Sache: Fühlen wir dem Ergebnis ein wenig auf den Zahn. Arbeiter und Angestellte bei MAN-Steyr sind nicht mehr die „Verdammten dieser Erde“. Sie wohnen nicht mehr in Baracken auf der Ennsleiten wie vor 100 Jahren, die Kinder haben mittlerweile alle Schuhe an. Wer bei MAN arbeitet, verdient ordentlich Geld. Das ist nicht nur dem Fleiß der Menschen geschuldet, die dort lackieren und montieren, sondern auch dem Einsatz von Gewerkschaften, Betriebsräten, der Arbeiterbewegung ganz allgemein. Es gibt auf unserer Welt nach wie vor viele Menschen, die fleißig lackieren und montieren und nicht ordentlich Geld verdienen. Das ist vor allem dort der Fall, wo die Demokratie schwächelt und Gewerkschaften und Betriebsräte bestenfalls am Gängelband der Mächtigen geführt werden. Oder wo sie gar verboten und kriminalisiert sind.

Wer von der „Demokratur“ schwärmt, hat selten das Wohl der Beschäftigten im Sinn
Wir dürfen daran erinnern: Der potenzielle Investor Siegfried Wolf, der beste Kontakte zum russischen Präsidenten Vladimir Putin hat, wünschte sich schon mal für Österreich "ein bisschen mehr russische Demokratur". Ein Insider verrät: In einer "Demokratur" tun sich Konzerne ein wenig leichter bei Lohnverhandlungen mit den Arbeitnehmern. Nur damit wir wissen, woran wir sind bei dem zum Heilsbringer für Steyr hochstilisierten Wolf. Er ist der einzige, dem der MAN Konzern eine Fortführung des Werks anvertrauen wollte.

Die Gewerbetreibenden und Unternehmer in der Stadt haben sich übrigens recht gut damit abgefunden, dass Österreich eine Demokratie und keine "Demokratur" ist und dass die Leute in der "Bude" nicht nach den Kollektivverträgen von Bulgarien, Polen oder Bangladesh abgegolten werden. Die Leute aus dem Werk geben den einen oder anderen Euro in der Stadt aus. Dass Steyr alles andere als ein Armenhaus ist, dazu trägt das Lohnniveau in der Industrie zweifelsohne seinen Teil bei.

MAN-Mitarbeiter: Wollt ihr es billiger geben?
Keine so große Freude mit dem "hohen Lohnniveau" bei MAN haben naturgemäß die Aktionäre. Sie orten ziemlich viel Luft nach unten. Der MAN Konzern droht daher seit geraumer Zeit trotzig mit der Abwanderung. Nun wurden die MAN-Beschäftigten gefragt, ob sie es nicht auch billiger geben könnten - für Siegfried Wolf exklusiv. Ein anderer kann da nicht daherkommen, wo kämen wir da hin!

Die Leute haben "nein" gesagt und das erregt viele smarte Besserwisser landauf, landab. Der Zeigefinger ist erhoben, er zeigt auf die angeblichen Nimmersatts an den Bändern in Steyr, von denen die LKW für den Weltmarkt laufen. Die Arbeiter seien uneinsichtig und stur, "weltfremde Betriebsräte" hätten Stimmung gemacht (was nicht stimmt: die Betriebsräte haben keine Wahlempfehlung abgegeben). Schnallt den Gürtel enger, dann hält das Schnitzel länger, das richten die Freunde des Neoliberalismus und diverser "Demokraturen" nicht nur den Arbeitern und Angestellten bei MAN, sondern der ganzen Stadt aus. Der Markt, der will das so. Und der Markt hat immer Recht. Recht hat „der Markt“ offensichtlich nur am Arbeitsmarkt nicht: Wenn ein Händler seine Ware so teuer verkauft, wie die Umstände es ihm gestatten, so gilt er als erfolgreich und smart. Wenn Arbeiter und Angestellte ihre Arbeitsleistung so teuer verkaufen, wie es geht, dann gelten Sie als Spielverderber und als unverantwortliche Krampusse, die das scheue Reh namens „Kapital“ vertreiben.

Österreich ist nicht Bangladesh – auch wenn das manchem Aktionär gefallen würde
Dann kursieren Grafiken mit Lohnkostenvergleichen, bei Ländern wie Österreich ist der Balken lang, bei Bulgarien, Bangladesh und Polen ist der Balken kurz. Auf diese Balken zeigen die Aktionäre, sie ziehen besorgt die Augenbrauen hoch und vermitteln uns: So ein Werk ist schnell abgebaut und woanders wieder aufgestellt. Und sei es dort, wo die Kinder der Arbeiterinnen und Arbeiter nach wie vor nicht selbstverständlich Schuhe tragen.

Darum geht es, auch wenn es überspitzt formuliert ist. Darum geht es, auch wenn das Angebot, das der Investor Siegfried Wolf den Leuten gemacht hat, niemanden in unmittelbare Armut gestürzt hätte. Ein Kommentar in der österreichischen Tageszeitung Standard bringt die Sache wunderbar auf den Punkt. Dort lesen wir: "Zu erwarten, dass sich die MAN-Mitarbeiter zur Schlachtbank führen lassen und dabei auch noch jubeln, war einigermaßen vermessen. Diesbezüglich hat sich die Nutzfahrzeugtochter des Volkswagen-Konzerns grob verschätzt. Die Wut der Beschäftigten über die Arroganz der Konzernmutter war offensichtlich zu groß."

Die Beschäftigten bei MAN verdienen gut, sie verdienen aber auch Respekt. Der wurde und wird ihnen vom MAN-Konzern verweigert. Der Konzern und seine Aktionäre in München und wo auch immer dürfen das Ergebnis der Urabstimmung gerne auf ihre Kappe nehmen. Und sie dürfen sich sicher sein, dass es, auch wenn es keinen Plan „C“ gibt, einen Plan „W“ gibt. Und der steht für Widerstand.

Ein Gastkommentar von Christian Kreil.

Christian Kreil befasst sich seit Jahren mit Verschwörungsplaudereien und Pseudomedizin. In seinem eben erschienen Buch „Fakemedizin“ thematisiert er unter anderem die Verharmlosung von Covid-19, Impfgegner und haltlose Heilversprechen von Ärzten und Scharlatanen.

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