GASTKOMMENTAR. Die berühmte Saure-Gurken-Zeit ist da. Da schafft man es auch mit überschaubar schlauen Aussendungen in die Medien. Der Steyrer Vizebürgermeister Helmut Zöttl (FPÖ) empört sich darüber, dass die Stadt Steyr der Bevölkerung die Möglichkeit gibt, sich ohne bürokratische Hürden ...

und ohne ein kompliziertes Anmelde-Prozedere gegen Covid-19 impfen zu lassen. Zum Beispiel in städtischen Autobussen, die dazu adaptiert werden und bei bestimmten Anlässen als eine Art "Pop-up-Impfstraße" dienen. Zöttl beklagt, dass die Impfung medizinischen Einrichtungen vorbehalten sein sollte. Hier darf man keck anmerken: Ein Arzt, der eine Impfung verabreicht, ist auch in einem Autobus ein Arzt. Und es ist nach wie vor nicht geplant, dass in den städtischen Bussen Hufschmiede, Almhirten oder Fließenleger Impfungen verabreichen.

Das nur fürs Protokoll, denn natürlich geht es um etwas ganz anderes: Die FPÖ - und das nicht nur in Steyr - hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahren als Schutzmacht der Maskenverweigerer, Maßnahmengegner, Impfverweigerer und Verschwörungsplauderer etabliert. Dieses Soziotop - nennen wir sie "Querfrodos" - gilt es zu bedienen von Zeit zu Zeit. Und in einer Zeit, in der der Wettlauf eines Virus mit der Impfung in die Zielgerade biegt, schlägt die Stunde freiheitlicher Politiker, die auf der Welle der Impffeindschaft und -skepsis surfen mit einem Schielen auf Wählerstimmen am Horizont.

Fassen wir die Fakten nüchtern zusammen:

  • Die Impfung bietet keinen hundertprozentigen Schutz vor einer Ansteckung oder Erkrankung. Sie reduziert allerdings die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung und eines schweren Krankheitsverlaufs.
  • Die Impfung ist keine Garantie, andere nicht zu anzustecken. Sie reduziert allerdings die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu infizieren. Der gegenwärtige Stand der Forschung sagt, die Wahrscheinlichkeit der Weitergabe des Virus wird mit der Impfung um 75 Prozent reduziert.

Wenn wir diese Tatsachen kumuliert auf den Punkt bringen:

  • Je mehr Leute geimpft sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Gesundheitssystem kollabiert.
  • Je mehr Leute geimpft sind, desto unwahrscheinlicher ist ein weiterer Lockdown, mit dem das Gesundheitssystem vor einem Kollabieren bewahrt werden muss.
  • Je einfacher und unkomplizierter der Zugang zu Impfungen ist, desto mehr Leute lassen sich impfen.

Die Stadt Steyr trägt mit den Impfbussen wenigstens eine Kleinigkeit dazu bei, dem Spuk der Pandemie ein Ende zu bereiten. Das weiß Herr Zöttl natürlich, und trotzdem macht er aus politischem Kalkül Stimmung gegen die ebenso simple wie sinnvolle Maßnahme.

Die gespielte Empörung ist durchschaubar, sie lässt uns mutmaßen: Die FPÖ hat gar kein so großes Interesse an einem Ende der Pandemie, weil ein Ende der Pandemie der Empörung der Querfrodos ein Ende bereiten würde. Was die FPÖ mit ihrer Haltung in Kauf nimmt, das sollte auch erwähnt werden: Die Geimpften werden - was ganz verständlich ist - in nächster Zeit auf eine Normalisierung des Alltagslebens pochen.

Darüber freuen sich vermutlich auch viele Ungeimpfte, im Windschatten der Geimpften ist auch der Impfverweigerer gerne und flott unterwegs. Es bleibt zu hoffen, dass die ihre Rechnung nicht ohne den Wirt gemacht haben. So lange die für eine Herdenimmunität nötige Durchimpfungsrate in der Bevölkerung nicht erreicht ist, wird sich das Virus vor allem unter den Ungeimpften erneut rasch verbreiten. Das müssen nicht nur die Ungeimpften ausbaden, die schwer erkranken, sondern auch die Geimpften, falls die Krankenhäuser deswegen wieder an ihre Grenzen kommen.

Wir werden Herrn Zöttl daran erinnern, falls es wieder so weit ist. Bis dahin gilt: Wer gescheit ist und noch nicht immunisiert, der nimmt den Impfbus gerne in Anspruch - für sich und die anderen Steyrer. Weil uns allen die Pandemie schon zum Hals heraus hängt.

 

Ein Gastkommentar von Christian Kreil.

Christian Kreil befasst sich seit Jahren mit Verschwörungsplaudereien und Pseudomedizin. In seinem eben erschienen Buch „Fakemedizin“ thematisiert er unter anderem die Verharmlosung von Covid-19, Impfgegner und haltlose Heilversprechen von Ärzten und Scharlatanen.

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