GASTKOMMENTAR. So viel Beton hat Kronstorf wohl noch nie angerührt: 60.000 Quadratmeter asphaltierte Fläche auf einer Betriebsfläche von 87.000 Quadratmetern. Das sind so um die zehn Fußballfelder. Wir finden (in noch „urgeheimen“ Plänen) 80 Andockstellen für Groß-LKW und 110 Stellplätze für Schwerfahrzeuge ...

Der Amazon-Konzern kleckert nicht, wenn er Relaisstationen plant, von denen aus er seine Kunden bedient. Die Kunden sind dabei glücklich, weil die online bestellten Romane, Duschbrauseköpfe oder Beckenboden-Trainingskugeln recht flott frei Haus geliefert werden im Karton. Die Mitarbeiter bei Amazon sind meist nicht ganz so glücklich, weil die Romane, Duschbrauseköpfe oder Beckenboden-Trainingskugeln recht flott vom Regal in den LKW verbracht werden wollen und sich keine engstirnigen Betriebsräte einmischen bei der Definition des Akkords. Da sollte man in einer Schicht nicht allzu viele Pinkelpausen einlegen, um den Takt nicht zu gefährden und böse Blicke des Gruppenleiters zu riskieren oder gar den Arbeitsplatz. Das wird für die Arbeitnehmer der Region ein ganz neue Erfahrung, wenn man einen Betriebsrat sucht im Betrieb und partout keinen findet und man dann erfährt, dass deppert nachfragen nach einem Betriebsrat schon Probleme bringen kann.

Keiner will die Pläne kennen
Die ganz konkreten Einreichpläne (wie oben skizziert) für das Amazon-Zentrum kursieren bereits unter all jenen, die sich dafür interessieren. Lediglich die Verantwortlichen in Gemeinde, Land und – quelle surprise – der Konzern Amazon wollen davon nicht allzu viel wissen und dazu nicht allzu viel sagen. Vielleicht auch deswegen, weil man dazu gelernt hat. In Dornbirn und in Graz ging Amazon zuletzt beule mitsamt seinen Plänen für große Verteilerzentren, weil Anrainer, die Eins und Eins zusammenzählen können, auf die Barrikaden stiegen.

Dass bei der Kritik am Konzern auch viel Hybris dabei ist, sollte uns allen bewusst sein – zumindest all jenen, die schon einmal etwas geordert haben beim Online-Handelsriesen. Mit der Bequemlichkeit des Online-Einkaufs ist es nämlich spätestens dann vorbei, wenn die bequeme Ruhe gestört wird vom Brummen der ganz analog ausschwärmenden LKW. Jetzt ganz ehrlich: Müssen wir uns wundern, dass es lauter wird, wenn wir ein Buch bei einem Weltkonzern bestellen mit einem Mausklick, anstelle den Schmöker beim lokalen Buchhändler abzuholen?

Schuld ist nicht Amazon oder „die Politik“, sondern wir Wähler
Was kann man Amazon vorwerfen? Amazon agiert im Rahmen von Gesetzen, die auf Landes- Bundes- und europäischer Ebene gemacht werden von Mandataren, die von uns gewählt werden. Und dort haben die Mandatare jener Weltanschauungen die Mehrheit, die der möglichst ungehemmten Freiheit der Wirtschaft das Wort reden. Und zu dieser Freiheit gehört auch das Recht auf eine Art Flurbereinigung des Handels durch den Stärkeren, durch Größe, Marktmacht und Technologie. Das hat natürlich Konsequenzen. Mit jedem Klick auf ein Amazon-Schnäppchen höhlen wir unsere Innenstädte aus. Dort wird es ruhig schön langsam. Dafür tut sich mehr im Umland. Die vom Land geplante Westspange rund um Steyr etwa ist ein kleines Willkommensgeschenk an Amazon. Dort rotieren dann die Romane, Duschbrauseköpfe und Beckenboden-Trainingskugeln flott in den LKW zwischen den Logistik- zu den Verteilzentren des Konzerns, vorbei am Handel, der sich ewiggestrig in unwegsamen Innenstädten verschanzt und sich die Augen reibt. Nur ein Nebensatz: Wir werden jedenfalls den Handel in der Steyrer Innenstadt nicht dadurch beleben, indem wir dem Online-Handel elegante Asphaltpisten rund um die Städte bauen, dank derer Bücher, Installationsbedarf oder Liebespielzeug 20 Minuten schneller von Kronstorf nach Klagenfurt geliefert werden können. Einen 20 Kilometer langen Umweg über die Schnellstraße nach Asten und die Phyrn-Autobahn können wir Amazon offenbar beim besten Willen nicht zumuten.

Immer wieder wird Amazon vorgeworfen, dass der Konzern zu wenig Steuern zahlt. Das ist falsch. Amazon zahlt exakt und gesetzesgetreu jene Steuern, die per Gesetz zu zahlen sind. Wir Wähler schenken lediglich jenen Mandataren die Mehrheit, die im internationalen Steuerwettbewerb einen elementaren Wert sehen. Da sagt der Steuerberater von Amazon herzlich Danke und findet jenes Schlupfloch, das wir ihm nicht nur machen, sondern das wir auch noch hell beleuchten in der Hoffnung, dass dafür ein paar Krümel abfallen für den jeweiligen Standort.

Wir haben ein Amazon-Logistikzentrum in den Dimensionen eines Weltraumbahnhofs in Kronstorf samt aller Konsequenzen wirklich verdient. Wir haben es in der Wahlurne mit dem Kugelschreiber in der Hand bestellt und wir bestellen es bei jedem Einkauf mit der Maus.

PS.: So viel Beton, wie der Konzern für seinen Standort in Kronstorf braucht, hat er vermutlich selbst nicht im Angebot.

Ein Gastkommentar von Christian Kreil.

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