LESERBRIEF. Der Steyrer Regionalsender RTV hinterfragt in einem aktuellen Video, ob die NASA bei der Mondlandung vor 50 Jahren nicht vielleicht etwas “geflunkert” hat. Man könnte meinen, diese Falschmeldung erregt den Unmut vieler Zuseher:innen, jedoch zeigen sich die Wenigsten erschüttert über eine derart absurde Verschwörung. Der Privatsender hat sich bereits vor seiner einseitigen Covid-Berichterstattung zunehmend radikalisiert und verbreitet diverse Verschwörungstheorien ...

Erst im April wurde ungeniert die Verschwörung von „Kinder- und Leichenschändern“ unter österreichischen Politiker:innen als „verifizierte Information“ präsentiert. Von Moderator Nico Schott wurde die Aussage mit keinem Wort hinterfragt (RTV Global Talk, 14. April 2022). Eine kritische Einordnung von Begriffen wie Diktatur und Faschismus bleibt der Sender schuldig. Die Verharmlosung des Austrofaschismus passt in die eigene Erzählung (Demonstration in Steyr, 24. April 2022). Während Wiener:innen sich wundern, wo das von RTV für Wien angekündigte chinesische Sozialkreditsystem bleibt (RTV 14. Juni 2022), stellen sich Steyrer:innen nun die Frage, warum solche Verschwörungsbeiträge überhaupt auf Sendung gehen und ob die Verantwortlichen selbst an diese Falschnachrichten glauben?

Neue Medienstrategie anstelle von linearem Fernsehen
RTV erkennt schon früh, dass gerade Facebook Videoinhalte besonders hervorhebt. Videos führen zu einer höheren Verweildauer der User:innen auf der Plattform und dadurch zu mehr freien Werbeminuten für das Mutterunternehmen META. Mit Beginn der Covid-Pandemie verlor der Sender zudem eine wichtige Einnahmequelle: Bezahlte Berichterstattung von regionalen Unternehmen, politischen Parteien (exklusive FPÖ) und Veranstaltungen aus der Region blieben aus. Der Privatsender nutzte seine Chance und konnte mit populistischen Erzählung der Covid-Pandemie neue Zielgruppen außerhalb der Stadtgrenzen erschließen. Neue Zuseher:innen kommen nicht mehr aus der Region Steyr, sondern aus ganz Österreich, teils Deutschland und der Schweiz. Kooperationen mit rechtsextremen Medien, wie dem Linzer Onlinesender “Auf1”, zementieren den Nischensender in der rechten Szene. Die Medienbehörde prüft derzeit die beiden Sender (https://www.derstandard.at/story/2000133567205/medienbehoerde-prueft-verschwoerungssender-auf1-und-regionalsender-rtv). RTV erkennt schnell - die einschlägige Berichterstattung polarisiert im Netz, führt zu höheren Interaktionen und damit zu mehr Reichweite auf Facebook und YouTube.

Glauben die das wirklich?
Aber glaubt RTV nun ernsthaft die Verschwörungstheorie, dass die NASA bei der Mondlandung “ein bisschen geflunkert” hat (sic!)? Vermutlich nicht, jedenfalls stellt sich die Frage für Moderator Nico Schott nicht. Der Sender möchte keine Antworten liefern, sondern ausschließlich Fragen werfen, um den eigenen Sender inhaltlich von anderen etablierten Medien abzugrenzen. Je abstruser die Inhalte, desto polarisierender die Beiträge. Dadurch steigt die Anzahl an Kommentaren und Shares und somit auch das Engagement (= Interaktionen durch User:innen). Die Social-Media-Strategie wirkt - die Videos werden geklickt. Das Vertrauen in klassische Medien und journalistische Praxis wird dabei als Kollateralschaden in Kauf genommen.

Spenden gesucht!
Reichweite und Polarisierung sind das Geschäftsmodell des Privatsenders. Spendenaufrufe auf Facebook, im Fernsehen und auf einschlägigen Veranstaltungen wie Demonstrationen haben das klassische werbebasierte Geschäftsmodell ersetzt. Für regionale Betriebe ist RTV in den vergangenen Jahren zu einem unattraktiven Werbepartner geworden. Bezahlte Beiträge zur Eröffnung eines regionalen Modehauses inmitten von Verschwörungstheorien, Fake News zur Impfung oder Aufrufen gegen eine vermeintliche Diktatur wirken sich nicht positiv auf das Image der Werbetreibenden aus. Konsument:innen stoßen diese Berichte zunehmend sauer auf. Gleichzeitig erreichen regionale Unternehmen ihre Kund:innen nicht mehr durch die digitalen Kanäle von RTV. Facebook liefert die Videos an die neue Zielgruppe im ganzen deutschsprachigen Raum aus. Abgesehen von Demo-Touristen hält sich das Neukund:innenpotential daher oft in Grenzen.

RTV hat ein funktionierendes Geschäftsmodell gefunden, um den ökonomischen Druck der sich veränderten Medienwelt abzufedern. Nach dem Vorbild radikal rechter US-Onlinemedien decken die Spendenaufrufe die Kosten des Unternehmens. Solange diese Strategie erfolgreich ist, wird sich an der Berichterstattung nichts ändern.

Ein Leserbrief von Maximilian Prandstätter.
Maximilian Prandstätter arbeitet im Social Media Marketing und ist Berater in der digitalen Kommunikation. Kontaktanfragen bitte an twitter.com/mxpttr.

Der Inhalt dieses Leserbriefes wurde von der Redaktion nicht auf Richtigkeit und/oder Vollständigkeit geprüft und stellt nicht notwendiger Weise die Meinung der Redaktion dar. Für Rückfragen stehen wir per Mail unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! jederzeit zur Verfügung.