GASTKOMMENTAR. „Jörg Gäbler“ ist auf Bundespräsident Alexander Van der Bellen schlecht zu sprechen. Er träumt von einer Handgranate vom Balkan, die doch „reichen würde für diesen Abschaum“. Wir wissen natürlich nicht, ob „Jörg Gäbler“ wirklich Jörg Gäbler ist. Wir kennen aber das Medium, das er für seine Terrorfantasien nutzt: Es ist der Telegram-Kanal des Garstener Senders RTV, der Kommentar steht seit fast zwei Wochen unter einem RTV-Beitrag zu Van der Bellen ...

Wir finden noch viele andere Kleinode fundierter Meinungsbekundungen in diesem Thread. „Mandi“ nennt den Präsidenten eine „Freimaurerratte“, „Brigitta Freund“ richtet Van der Bellen aus, dass er ein „seniler Aschenbecher ist“. Im Vergleich zu „Gäblers“ Mordphantasien klingen diese Kommentare aber fast wie milieubedingte Lausbubenstreiche. „Gäbler“ lässt im Telegram-Kanal von RTV auch bei anderen Personen keinen Zweifel, dass er gerne mit dem eisernen Besen aufkehren würde. Unter einem RTV-Beitrag zu WHO-Chef Tedros Ghebreyesus krakeelt „Gäbler“: „So live vor der Kamera verteilt jemand den sein krankes Hirn an der Wand, es wäre ein Hochgenuss und eine Plage der Menschheit weniger.“

Warum lässt RTV Mordfantasien stehen?
Für Terror- und Gewaltfantasien in sozialen Medien sind in erster Linie die Verfasser dieser Fantasien verantwortlich: Das sind „Jörg Gäbler“ und Co. Auf Seiten, die von Unternehmen administriert werden, sieht die Sache schon anders aus. Hier haftet auch der Seitenbetreiber – das ist RTV - für Inhalte seiner Fans. Soll heißen: RTV muss strafrechtlich relevante Inhalte nach Kenntnisnahme und in angemessener Zeit löschen. Nun könnte RTV einwenden, die Postings nicht bemerkt zu haben. Ist das glaubwürdig? RTV postet am Tag kaum mehr als einen Beitrag. Unter den Beiträgen finden sich kaum mehr als ein Dutzend Kommentare von Usern. Die checkt man als Journalist mit geschultem Auge in ein paar Minuten locker auf fragwürdige Inhalte. Dazu kommt: Der Sender beobachtet seinen Kanal durchaus intensiv und interagiert dort mit seinen Fans. Wir finden Statements des Senders, wonach Spam zu unterlassen sei, und siehe da: Sogar ein Statement, wonach Beschimpfungen des Bundespräsidenten zu unterlassen sind, hat RTV gepostet. Warum just die Mordfantasien „Jörg Gäblers“ und derbe Beleidigungen des Staatsoberhaupts seit fast zwei Wochen den RTV-Kanal schmücken, darüber können wir nur rätseln: Es gibt zwei Möglichkeiten: Der Sender übersieht derlei. Oder er übersieht derlei bewusst, um es sich mit seinen neuen Fans vom Schlag „Jörg Gäblers“, nicht zu verscherzen.

Ein Milieu, das man mag – oder auch nicht
Verscherzt hat es sich der Sender seit längerem mit denen, auf die er lange bauen konnte. Da ist der Krug offenbar einmal zu oft zum Brunnen gegangen. Die enthusiastische Thematisierung der sonntäglichen Lärmprozessionen und skurrile Beiträge zur Mondlandung sind nicht das Umfeld, in dem sich seriöse Politiker und ebensolche Institutionen und Unternehmen gerne einbetten lassen. In den letzten Wochen basht RTV den amtierenden Bundespräsidenten mit Beiträgen, in denen er bei Auftritten ausgepfiffen wird. Die Handyvideos von ein paar pfeifenden Rabauken werden in den Beiträgen von RTV lustvoll aufgeblasen. Das Grüppchen reist Van der Bellen durch das ganze Land nach mit Trillerpfeifen und recht eindeutiger Symbolik: Dazu gehört auch ein Kerl, der sich offenbar gerne als Henker sieht und einen Galgen für Politiker mitbringt. Angeleitet werden diese Vulgäraktivisten vom Sprecher der rechtsextremen und verbotenen „Identitäten“, Martin Sellner. Er stachelt in seinem Telegram-Kanal zur Störung von Veranstaltungen mit dem Staatsoberhaupt auf. Dieses Milieu muss man mögen und RTV mag es offenbar nicht nur, er serviciert seine neue Zielgruppe mit derlei Beiträgen.

Wer da als Politiker mitmacht, den muss ich nicht wählen
Vor einigen Wochen hat RTV die Beachvolleyballshow in Szene gesetzt, die Jubiläumsfeiern des Frauenhauses und am Sonntag wird es das City-Kriterium sein. Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum: Für die Videoproduzenten aus Garsten sind diese Sommer-, Sonne- und Sonnenscheinbeiträge eine nette Gelegenheit, um von der eigenen Schlagseite nach rechts außen und unten und einem Faible für Lärmterroristen und Verschwörungsplauderer abzulenken. Der Stadtrat und der Sportler, der Sponsor und der Event-Macher und mancher aus dem Publikum flötet Nettes ins Mikrofon und lächelt in die Kamera. Kann man da als Politiker oder Unternehmer die Mord- und Terrorfantasien in den medialen Hinterzimmern des Senders so einfach ausblenden?

Ich für meinen Teil beantworte die Frage mit einem klaren Nein. Wer mitmacht ist Teil in einem Spiel, in dem Handgranatenfantasien gegen den Bundespräsidenten offenbar augenzwinkernd toleriert werden, kann sich nicht länger auf seine Gutgläubigkeit oder die Medienfreiheit ausreden. Solche Leute muss ich nicht wählen und bei solchen Leuten muss ich nicht einkaufen.

Ein Gastkommentar von Christian Kreil.

Bildquellen: Telegram-Screenshots

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