STEYR-LAND/KIRCHDORF. Das Naturnachtgebiet Eisenwurzen zählt mit rund 2.400 Quadratkilometern zu den größten zusammenhängenden Schutzräumen Österreichs. Am 17. März 2026 wurde das Gebiet im Pavillon des Nationalparks Gesäuse unter Anwesenheit von Vertreter:innen aus Politik, Verwaltung und allen Projektpartnern als „Dark Sky Reserve“ zertifiziert und damit zum viertgrößten Schutzgebiet dieser Art in Europa.
Das Gebiet erstreckt sich über Teile der Steiermark, Oberösterreich und Niederösterreich, umfasst sechs Schutzgebiete und 20 Gemeinden – darunter auch oberösterreichische Nationalparkgemeinden. Ziel ist es, Lichtverschmutzung zu reduzieren und den natürlichen Nachthimmel sowie Lebensräume von Mensch, Tier und Pflanzen zu sichern.
Zertifizierung nach mehrjährigem Prozess
Die Anerkennung durch DarkSky International ist das Ergebnis eines mehrjährigen Prozesses. Seit 2023 wurden umfangreiche Messdaten erhoben und neun permanente Messstationen im gesamten Gebiet installiert. Fachlich begleitet wurde das Projekt unter anderem von Astrophysiker Dr. Stefan Wallner von der Universität Wien, dem E.C.O. Institut für Ökologie und dem Umweltdachverband.
„In einem Europa, in dem der Nachthimmel jährlich um etwa 10 Prozent heller wird, ist das Eisenwurzen-Gebiet eine absolute Seltenheit. Hier haben wir die einmalige Chance, eine der letzten wirklich dunklen Regionen des Kontinents dauerhaft zu schützen – nicht nur für uns, sondern für kommende Generationen und die unzähligen nachtaktiven Arten, die auf natürliche Dunkelheit angewiesen sind“, betont Wallner.
Er verweist auch auf die ökologischen und gesundheitlichen Aspekte: „Nur noch rund 1 Prozent der Menschen in Europa leben unter einem natürlich dunklen Nachthimmel, frei von Lichtverschmutzung. Lichtverschmutzung, ein junges, aber rapide zunehmendes Phänomen, zählt heute zu den unterschätztesten Umweltgefahren unseres Planeten.“
Lichtmanagement und Angebote für Besucher:innen
Das Naturnachtgebiet setzt auf ein abgestuftes Lichtmanagement mit strengen Vorgaben in der Kernzone und angepassten Regeln in der Peripherie. Ein gemeinsamer Lichtmanagementplan wurde mit den 20 beteiligten Gemeinden erstellt. Forschung und Öffentlichkeitsarbeit stützen sich auf zwei Sternwarten, ein mobiles Teleskop und Bildungsangebote.
Für Besucher:innen ist das Gebiet bei freiem Eintritt zugänglich. Saisonale Veranstaltungen und geführte Programme – etwa Astrofotografie-Workshops, „Kino & Sterne“-Abende, Nachterlebnisse unter dem Motto „Geräusche der Dunkelheit“ oder spezielle Sternschnuppenfahrten – sollen den sternenklaren Himmel und die nächtliche Artenvielfalt erlebbar machen.
Naturschutz und Gesundheitsaspekt
Aus Sicht des Naturschutzes kommt dem Gebiet eine besondere Rolle zu, wie Gudrun Bruckner vom Nationalpark Gesäuse, Bereich Naturschutz und Forschung, unterstreicht: „Der Wechsel zwischen Tag und Nacht zählt zu den ältesten Konstanten unserer Erde. Über Millionen von Jahren hinweg haben sich Organismen an diese natürlichen Lichtregime angepasst. Heute verändern wir diesen Rhythmus innerhalb weniger Jahrzehnte massiv. Künstliches Licht in der Nacht wirkt wie ein Eingriff in die biologische Uhr, bei Säugetieren, Insekten, Vögeln, Pflanzen und letztlich auch beim Menschen.“
Mit der Zertifizierung entstehe zudem eine wichtige Referenzfläche: „Solche Gebiete sind unverzichtbar, um zu verstehen, wie funktionierende Nachtökosysteme aussehen und um messbar zu machen, was wir andernorts bereits verloren haben.“
Bedeutung für die Region
Für die beteiligten Gemeinden ist die Auszeichnung auch ein klares Signal für den Stellenwert der natürlichen Nachtlandschaft. „Es ist unglaublich, dass nur mehr 1 Prozent der europäischen Bevölkerung diesen prächtigen Nachthimmel genießen kann. Dass das für unsere Region inzwischen ein Geschenk und keine Selbstverständlichkeit mehr ist, müssen wir uns immer wieder bewusst machen“, sagt Günther Großauer, Bürgermeister der Nationalparkgemeinde Großraming.
Webtipp: https://naturnacht.eisenwurzen.com/
Fotos © ANDREAS HOLLINGER.
