• BEZIRK: STEYR, LINZ-LAND, OÖ
Sie weiß Bescheid, wenn es um Fachkräfte geht: Helena Reitbauer, eXperts consulting center, Hofmann Personal Austria. Foto © E-STEYR.COM

Bei der Frage nach einem indigoblauen Frühlingsmantel mit taubengrauen Knöpfen und einem Innenfutter in Senfgelb, wird die Modeberaterin ihres Vertrauens sehr wahrscheinlich mit den Augen rollen. Vorstellungen dieser Art kann sie nur selten erfüllen – am Arbeitsmarkt nennt man dieses Phänomen „Fachkräftemangel“. Wie viel davon echter Mangel ist, wie viel überzogene Wunschliste und warum Unternehmen manchmal nur beim „Innenfutter“ nachgeben müssten, erklärt Personalprofi Helena Reitbauer von eXperts consulting centerÖsterreichs Top Dienstleister für Fach- und Führungkräfte. 

STEYR/LINZ-LAND/OÖ. Stellen Sie sich vor, Sie wollen einen neuen Mantel kaufen und es soll schnell gehen, denn der Frühling naht. Natürlich wollen Sie nicht irgendeinen Mantel, schließlich soll er zu Ihnen passen. Leicht soll er sein, aber nicht zu leicht. Stoff, Farbe, Schnitt, Knöpfe, Taschen – alles soll stimmen. Mit dem genauen Bild ihres Traummantels im Kopf, machen sich auf den Weg in die Einkaufsstraße. 

Stunden später treten Sie entnervt den Rückzug an. Ohne ihren Traummantel, weil die Kombination Indigoblau mit taubengrauen Knöpfen und einem Innenfutter in gedecktem Senfgelb und grauen Streifen nicht verfügbar war. 

Wenn Sie sich jetzt denken, dass das nicht weiter überraschend ist, weil ein solcher Mantel eben schwer zu finden ist, dann haben Sie ein entscheidendes Problem bei der Suche nach Fachkräften verstanden: der „Perfect Match“. Aber nicht falsch verstehen – den Traummantel gibt es! Ihre Nachbarin hat ihn letzte Woche „verpflichtet“ …

Was steckt hinter dem Schlagwort „Fachkräftemangel“?
Würden wir heute eine kleine Umfrage am Steyrer Stadtplatz machen und zehn Menschen fragen, ob wir in Österreich einen Fachkräftemangel haben, werden vermutlich elf davon bestätigend nicken. In Oberösterreich und natürlich auch im Großraum Steyr herrsche Fachkräftemangel, heißt es – und alle sprechen darüber. 

Doch schon bei der Frage, was eine „Fachkraft“ überhaupt ist, beginnen die vermeintlich scharfen Konturen des Schlagwortes zu verschwimmen. Für die eine ist es der gewerbliche Mitarbeiter mit Lehrabschluss, für den anderen die hochqualifizierte Angestellte mit Studium. Die offizielle Mangelberufsliste des Bundesministeriums listet unter anderem die Felder Elektro- und Starkstromtechnik, Maschinenbau, Anlagentechnik und Schweißer:innen – allerdings ohne regionale Differenzierung. 

Gleichzeitig zeigt der Blick in die Praxis, dass sich die Lage je nach Region und Branche massiv unterscheidet. In Wien gibt es etwa im Bereich Architektur eher einen Überschuss an Bewerber:innen, während in Oberösterreich schon das Ergattern eines Ausbildungsplatzes zur Herausforderung werden kann. Der Ruf „Wir haben Fachkräftemangel“ greift also zu kurz. Es geht um Passung, Verfügbarkeit, regionale Unterschiede – und um Erwartungshaltungen, die oft an den eingangs zitierten Traummantel erinnern. Um das genauer einordnen zu können, konsultieren wir eine Expertin.

Helena Reitbauer ist Head of ECC Nord - eXperts consulting center - bei Hofmann Personal in St. Florian und seit mehr als zehn Jahren in der Branche tätig. Rund 700 Unternehmen in Österreich setzen bei kaufmännischen und technischen Angestellten – vor allem in Industrie und Gewerbe – auf die Personalauswahl von Hofmann und ECC. 

Frau Reitbauer, seit Jahren reden alle vom Fachkräftemangel. Wo beginnt aus Ihrer Sicht das Problem?

„Schon bei der Definition. Jeder versteht unter „Fachkraft“ etwas anderes – je nach Branche, Unternehmensgröße oder hierarchischer Ebene. Die Spanne reicht vom gewerblichen Mitarbeiter bis zur hochqualifizierten Spezialistin. Einig sind sich aber alle in einem Punkt: Gute Leute sind gefragt!“

Wo sehen Sie in Ihrer täglichen Arbeit die Ursachen für den vielzitierten „Mangel“? 

„In vielen Fällen ist es weniger ein absoluter Mangel an ausgebildeten Menschen, sondern viel mehr ein Passungsproblem. Unternehmen suchen sehr spezifische Kombinationen aus Ausbildung, Berufserfahrung, Branchenkenntnis und Soft Skills. Daraus wird schnell ein sehr enges Anforderungsprofil, also der berühmte „Perfect Match“, der dann in der Realität schwer zu finden ist.“

In der Branche spricht man von „Must-haves“ und „Nice-to-haves“. Was darf man darunter verstehen?

„Die „Must-haves“ definieren, was jemand fachlich unbedingt können muss. In der Praxis landen aber viele Kriterien, die eigentlich „Nice-to-haves“ wären, ebenfalls im Pflichtprogramm. Je länger diese Wunschliste wird, desto öfter scheitert eine Besetzung nicht daran, dass niemand qualifiziert wäre, sondern daran, dass kaum jemand alle Details erfüllt.“

Und dann gibt es da noch das Problem mit der Verfügbarkeit, richtig?

„Genau. Viele Fachkräfte, die dem Idealbild eines Unternehmens sehr nahekommen, sind im Alltag einfach nicht verfügbar. Das sind die Mitarbeiter:innen, die Firmen im Abschwung als Letzte gehen lassen und im Aufschwung als Erste wieder brauchen. Wenn sich solche Personen verändern, tun sie das meist gut vorbereitet aus einem bestehenden Job heraus. Sie wechseln sozusagen „unter dem Radar“ von Job zu Job. Am Arbeitsmarkt sieht man sie daher selten.“ 

Welche Rolle spielen Region und Mobilität dabei? 

„Eine entscheidende. Das Beispiel Architektur zeigt das deutlich: In Wien gibt es einen Bewerberüberschuss, in Oberösterreich hingegen Engpässe – und das schon bei der reinen Qualifikation. Dazu kommt die Mobilität. Theoretisch kann jemand aus Wien österreichweit eingesetzt werden, praktisch scheitert es oft an den Pendelzeiten und der Lebensrealität. Unternehmen sagen zurecht: Wer täglich eineinhalb Stunden anreist, wird uns verlassen, sobald sich eine nähere Alternative ergibt.“

Oft wird „Fachkräftemangel“ auch als pauschale Erklärung verwendet, wenn es im Betrieb hakt. Zu Recht? 

„Manchmal zu Recht, aber es ist auch ein bequemes Schlagwort. Wenn Stellen länger unbesetzt bleiben, Mitarbeiter:innen halbe Positionen mitbetreuen oder Überstunden explodieren, heißt es schnell: „Wir haben Fachkräftemangel.“ Das stimmt manchmal, verdeckt aber oft andere Themen – etwa überzogene Anforderungsprofile, mangelnde Ausbildung im eigenen Haus oder strukturelle Probleme wie Demografie und wenig zeitgemäße Bildungspolitik.“

Was würden Sie sich von Unternehmen und Politik wünschen? 

„Einerseits mehr Klarheit darüber, was wirklich nötig ist. Also eine saubere Trennung zwischen „Must-have“ und Nice-to-have“. Andererseits mehr Mut, in Ausbildung zu investieren und Menschen weiterzubilden, statt nach dem perfekten Gesamtpaket zu suchen. Der Aufbau eigener Fachkräfte, etwa über Lehrlinge oder Traineeprogramme in der Region, sind nachhaltig wirksam. An der Politik ist es dann, diese Initiativen und Programme dementsprechend zu fördern. Auch mehr kulturelle Offenheit könnte ein Gamechanger sein. Es gibt in Österreich Fachkräfte mit ausländischem Abschluss oder anderem kulturellen Hintergrund, die nicht überall willkommen sind – aus Gründen wie Sprache, unterschiedlichen Arbeits- und Familienbildern oder Sorge vor Konflikten im Team. Hier liegt Potenzial brach!“

Fazit: Echter Mangel, oder nur die falsche Farbe beim Innenfutter?
Was bleibt also übrig, wenn man das Schlagwort „Fachkräftemangel“ entkleidet? Klar ist: Es gibt keinen einheitlichen Fachkräftemangel, sondern sehr unterschiedliche, regionale und branchenspezifische Situationen. Die Erwartungen vieler Unternehmen sind oft sehr detailliert, der „Perfect Match“ ist deshalb selten, und die wirklich gefragten Fachkräfte sind selten am Arbeitsmarkt sichtbar, sondern wechseln von Job zu Job. Dazu kommen strukturelle Faktoren wie Demografie, Bildungspolitik und der Umgang mit internationalen Fachkräften, die entscheidend mitbestimmen, wie angespannt der Markt vor Ort tatsächlich ist. 

Zurück zum Frühlingsmantel: Wenn wir mit einem starren Bild im Kopf durch die Einkaufsstraße laufen, ist die Enttäuschung fast vorprogrammiert. Vielleicht hängt im Geschäft ein Mantel, der perfekt sitzt, gut aussieht und lange hält – nur die Knöpfe sind nicht taubengrau, sondern schwarz, und das Innenfutter ist schlicht grau statt Senfgelb.

Im Personalbereich ist es ähnlich: Wer bereit ist, beim Innenfutter Kompromisse zu machen und dafür in Passform und Qualität zu investieren, wird auch in Zeiten des vielbeschworenen Fachkräftemangels eher fündig. Und vielleicht stellt sich dann heraus: Mit dem „grauen Innenfutter“ lässt sich im Alltag sogar besser leben, als man anfangs dachte!


eXperts consulting center
Das eXperts consulting center ist die spezialisierte Consulting- und Personalberatungseinheit von Hofmann Personal Austria. Im Mittelpunkt stehen die Vermittlung und Betreuung qualifizierter Fach- und Führungskräfte sowie die passgenaue Besetzung von Fach- und Schlüsselpositionen für unterschiedliche Branchen.

Neben individueller Personal- und Karriereberatung begleitet das eXperts consulting center Unternehmen über den gesamten Recruiting-Prozess hinweg. Dank regionaler Marktkenntnis und einem österreichweiten Netzwerk verbindet die Beratungseinheit Betriebe mit passenden Kandidatinnen und Kandidaten und unterstützt so nachhaltig bei der Sicherung des Fachkräftebedarfs.

 

 

Mehr zum Thema