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Oben von links: Andreas Bramberger und Peter Wiesinger. Foto © Kreil

STEYR. Die Second Hand-Boutique Heidelbeere in der Enge kommt mit dem Kommissionieren kaum noch nach. Mehr als 7.000 Kleidungsstücke und Accessoires gingen bereits durch die Hände der Boutique-Inhaber Andreas Bramberger und Peter Wiesinger. Studenten der FH nehmen das Konzept der Heidelbeere und Chancen für das gesamte Haubeneder-Haus demnächst unter die Lupe.

Vor knapp vier Monaten haben Andreas Bramberger und Peter Wiesinger die Heidelbeere eröffnet. In der Second Hand-Boutique im ehemaligen Traditionsgeschäft Haubeneder verkaufen sie auf Kommissionsbasis das, was die mittlerweile auf den Second Hand-Boom aufmerksam gewordenen Trendbeobachter „Pre Loved-Mode“ oder „Circular Fashion“ nennen. Der Zulauf ist enorm. Mehr als 400 Verkäufer wurden bislang in der Heidelbeere mit ihren gebrauchten Kleidungsstücken vorstellig. Mehr als 7.000 Kleidungsstücke – von der Lederjacke bis zur Desigual-Bluse, von der Diesel-Jean bis zum Prada-Jackerl und vom Adidas-Turnschuh bis zur Ray-Ban-Sonnenbrille haben die beiden 59jährigen mittlerweile kommissioniert und auf den 150 Quadratmetern ihres Ladens präsentiert.

Großes Interesse der Verkäufer - Anmeldung dringend nötig
Bramberger: „Die Leute kommen von Wels bis Amstetten und von Linz bis Weyer zu uns mit ihrem nicht mehr benötigten Gewand.“ Derzeit wird nur mehr Kleidung für den Herbst und Winter angenommen. Mittlerweile hilft den beiden 59jährigen Unternehmern eine Praktikantin, um das Tagesgeschäft zu bewältigen. Anfang Juli wurde die erste Ausverkaufs-Aktion gestartet. Auf Kleidungsstücke, die vier Monate lang auf einen Käufer gewartet haben, gibt es 50 Prozent Preisnachlass.

„Der Zuspruch der Verkäufer überwältigt uns nach wie vor,“ sagt Wiesinger. „wir bitten alle Verkäufer, sich einen Termin zu sichern, es gibt schon eine Warteliste.“ Die Heidelbeere ist eine „Mitmach-Boutique“. Wer gebrauchte, aber intakte Markenmode unkompliziert an den Mann und an die Frau bringen will, bringt seine Schätze zu Wiesinger und Bramberger. Wenn das Stück einen neuen Besitzer gefunden hat, bekommt der Verkäufer 33 Prozent des Verkaufspreises auf sein Konto überwiesen.

Das smarte Offline-Angebot überzeugt
„Wir sind ein Angebot für Leute, die sich nicht mit dem Prozedere rund um Verkaufsplattformen im Internet herumschlagen wollen,“ sagt Bramberger, der jahrelange Management-Erfahrung in der Second Hand-Branche hat. Auch der Nachhaltigkeitsgedanke ist den Menschen wichtig. „Die Leute, die ihre gebrauchten, kaum oder nie getragenen Kleidungsstücke verkaufen, sagen: Was ich habe, ist zu schade für den Container. Die freuen sich wirklich, wenn ihre Jacke in der Heidelbeere am Kleiderbügel eine neue Chance erhält.“

Dabei müssen Bramberger und Wiesinger durchaus streng sein. Kleidung oder Accessoires mit Schäden, Flecken oder Mängeln werden ebenso wenig angenommen wie Fast-Fashion und Billigmarken. Dass die Heidelbeere kein Flohmarkt ist, wird fast ohne Ausnahme von den Verkäufern akzeptiert.

Ein offener Laden, in dem man sich auch mal hinsetzen kann
Auch ein einladendes Ambiente im Shop ist den beiden wichtig. Vor dem Laden in der Enge und im Geschäft gibt es Sitzgelegenheiten, hie und da gibt es einen Kaffee für Kunden. Bramberger: „Wir schauen darauf, dass man bei uns einfach mal reinschneien kann, wenn man durch die Stadt spaziert und ein wenig stöbert und gustiert und plaudert.“ Derzeit denken die beiden über neue Shopping-Formate nach, zum Beispiel für angemeldete Gruppen mit bis zu sechs Personen, die man exklusiv empfängt und bei einer Heidelbeer-Session mit Prosecco bewirtet.

Auf die Heidelbeere sind auch Schulen und Hochschulen aufmerksam geworden. Eine Schulklasse der Handelsakademie wird sich im kommenden Schuljahr in einem Projekt gemeinsam mit den Heidelbeer-Machern mit Nachhaltigkeit bei Kleidung beschäftigen, ein Studiengang der FH Steyr wird sich ebenfalls mit dem Business-Modell der Heidelbeere auseinandersetzen und soll Ideen für die Nutzung des ganzen Hauses entwickeln.

Nachhaltigkeit im Haubeneder-Haus: Studenten der FH Steyr denken mit, wie das gelingen kann
Vier Etagen mit insgesamt fast 600 Quadratmetern Fläche umfasst das ehemalige Traditionsgeschäft Haubeneder in der Enge Gasse 18. „Ich bin froh dass mit der Heidelbeere jemand das Erdgeschoß bespielt, der am Puls der Zeit ist, Nachhaltigkeit ist ein Top-Thema“ sagt Brigitte Ecker. Die Inhaberin der Immobilie denkt längst darüber nach, wie die oberen drei Stockwerke sinnvoll genützt werden können. Ecker: „Ich bin offen für alles, was ökonomisch vertretbar ist und für die Gesellschaft einen Sinn macht.“ Angedacht seien ähnliche Konzepte wie die Heidelbeere, etwa für Haushaltsware oder Möbel, ebenso wie themenspezifische Angebote für Senioren.

Beim Spinnen neuer Ideen setzt man auf die Kreativität des akademischen Business-Nachwuchses. Ab dem Herbstsemester wird ein Studiengang der FH Steyr die Heidelbeere und ein mögliches Ausrollen des Nachhaltigkeitskonzeptes auf weitere Etagen im Haubeneder-Haus unter die Lupe nehmen. Eines ist Ecker klar: „Wie man eine Altstadtlage mit mehreren Etagen nutzen und vermarkten kann, dazu muss man schon länger nachdenken und offen sein für Neues. Mit der Heidelbeere im Erdgeschoss gibt es einen guten Anfang.“

Studien bestätigen Boom für Second Hand-Ware
Der Gebrauchtmarkt boomt. Eine Studie der Boston Consulting Group sagt dem Second Hand Markt international jährliche Steigerungsraten von 10 Prozent voraus.

Eine Studie des österreichischen Handelsverbands aus dem Vorjahr zeigt, dass bereits 73 Prozent der Österreicher Gebrauchtwaren eingekauft haben. Mehr als jeder Dritte will in Zukunft noch häufiger gebraucht einkaufen. 18 Prozent der Befragten kaufen zumindest einmal im Monat Second Hand-Produkte. Wichtigstes Kaufmotiv: 74 Prozent der Käufer wollen intakten Produkten eine neue Chance geben. Knapp dahinter ist der Preisvorteil. 71 Prozent der Befragten freuen sich darüber, ein neuwertiges Produkt günstig zu kaufen.

Ähnliche Zahlen ergab eine Befragung der Organisation Re-Use Austria im Jahr 2023: Nachhaltigkeit ist für 84 Prozent der Käufer der Hauptmotivationsgrund beim Second Hand-Shopping. Dahinter folgt der günstige Preis (71 Prozent). Die wichtigsten Bezugsquellen für Gebrauchtwaren sind zwar Online-Plattformen wie „vinted“, „refurbed“ oder „willhaben“. 55 Prozent kaufen dort regelmäßig ein. Offline-Angebote wie Second Hand- oder Vintage-Stores werden von immerhin 31 Prozent besucht.

Die gefragteste Second Hand-Produktkategorie ist Bekleidung (38 Prozent der Befragten). Dahinter folgen Bücher, Filme, Medien (33 Prozent), Spielwaren (22 Prozent) und Möbel (21 Prozent). Eine internationale Studie von PwC in westeuropäischen Ländern aus dem Jahr 2025 ergab, dass bereits 70 Prozent der Millennials und der Generation Z – also die Altersgruppe von 18 bis 43 Jahren - bereits Secondhand-Produkte gekauft hat. Nur zwei Jahre zuvor waren es erst 51 Prozent.

Unten: Die Second Hand Boutique "Heidelbeere" im Haubenender-Haus in der Enge Gasse boomt. Foto © Kreil

 

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